Mich regen ja selten Äußerungen aus Politiker- oder Klerikermund wirklich auf. Ich bin sogar fast versucht, die Klimaerwärmung zu einem Gutteil auf heiße Luft aus ebenjenen Öffnungen zurückzuführen. Was derzeit aber führende Politiker an Verbalemissionen ausstoßen, bringt mein Blut in Wallung und meine Tippfinger zum Kribbeln. Schlechte Konjunkturnachrichten brachten politische Hinterbänkler wie Ramsauer, Hasselfeldt oder Grosse-Brömer dazu, die Abkehr von Koalitionsvereinbarungen wie Rente mit 63, Mindestlohn und die Frauenquote zu fordern. Insbesondere die Frauenquote in Führungsgremien sei „eine Belastung für die Wirtschaft“, diese Aussage ist bei mir hängengeblieben.
Ich bin keine Quotenfreundin, ich mag Erbsenzählen nicht und ich glaube an Vorsprung durch Qualität. Mir sind in meinem Berufsleben viele erfolgreiche Frauen begegnet, die ohne Quote, aber dafür mit einem eisernen Willen den Weg in Führungsetagen geschafft haben. Einige haben Kinder, andere nicht. Was sie aber alle hatten: eine gute Ausbildung, einen scharfen Intellekt und den unbedingten Willen zu gestalten und zu verändern. Dafür haben sie teilweise sehr hart arbeiten müssen, Überstunden geleistet, auf Reisen und Freizeit verzichtet. Und sie haben sich etwas antrainiert, das vielleicht für manche als typisch männliche Eigenschaft gilt: Sie waren laut, durchhaltestark und haben sich und ihre Erfolge nicht unter den Scheffel gestellt. Nicht unbedingt sympathisch, aber eben effektiv.
Wenn also ein politisches CSU-Leichtgewicht behauptet, Quoten-Frauen in Führungsgremien seien eine Belastung, dann müssen wir alle mal herzlich lachen. Worüber ich nicht lachen kann, ist, dass diese Frauen immer noch die Ausnahme bilden. Wenn es ans Eingemachte, sprich: die großen Konzerne geht, dann sieht es in Vorständen und Geschäftsführung mau aus mit der holden Weiblichkeit. Das liegt nicht nur daran, dass da verbohrte Herren in Nadelstreifen wirken, die Frauen keine Führungskraft zutrauen würden (in Zeiten international studierter und beruflich erfahrener Leitungsebenen sowieso eine seltsame Ansicht). Auch Faktoren wie fehlende Ganztagesbetreuung für Kinder, Sauna-Seilschaften nach Büroschluss und ganz allgemein ein ungesundes Verständnis von Arbeit-Freizeit-Balance sind Hemmnisse auf dem Weg nach oben. Welche Frau ohne entsprechende strukturelle Unterstützung will da schon in die Führungsetage? Genau.
Ich bin eine Quotengegnerin, aber in letzter Zeit bin ich immer überzeugter, dass nur ein komplettes Umdenken zur Veränderung führt. Daher bin ich für die flächendeckende Einführung einer Quote in Wirtschaft, Parteien, Institutionen, Menschenhirnen – 50/50 für alle! Krankenbrüder (Brüller, ja, aber ich habe mir nicht die Mühe gemacht, die entsprechend korrekte Bezeichnung für männliche Krankenschwestern zu suchen) sollten genauso selbstverständlich sein wie männliche Hebammen, Bauarbeiterinnen und Ingenieurinnen wünsche ich mir auch gleichmäßiger verteilt. Sie sehen, eine kleine Utopie darf man sich erlauben.
Aber im Ernst: halbherzige Quoten helfen recht wenig, wenn die Grundvoraussetzungen für mehr Ausgeglichenheit fehlen. Sie sind ein erster Schritt, eine Hilfe zur Transformation, die nicht nur auf Aufsichtsräte großer Unternehmen beschränkt sein sollte. Für die Quote zu sein, heißt aber auch: aufstehen, unbequem sein, gegebenenfalls im eigenen Unternehmen für die Installation einer/eines Gleichstellungsbeauftragten einzutreten – und die von uns gewählten Politiker in die Pflicht zu nehmen! Warum nicht einfach mal einen Brief an „meinen“ Abgeordneten des Bundestages schreiben? Via Doodle sollte sich doch ein gemeinschaftliches Dokument entwickeln lassen, das Viele unterschreiben können. Aber was sage ich – anfangen müsste ich damit auch erst einmal bei mir selbst.
Ach, und übrigens, Herr Ramsauer und Frau Hasselfeldt: Frauen haben schon naturgemäß wesentlich mehr Eier in der Hose als Männer. Genügend, um sie einfrieren zu lassen, wenn wir das wünschen. Das nur als Hinweis, falls Ihnen der Mut fehlen sollte, einmal fortschrittlich zu denken.
Damit kommen wir zu einer weiteren Nachricht, die mich zwar nicht ärgerte, aber irritierte: Facebook und Apple finanzieren ihren (US-amerikanischen) Mitarbeiterinnen das sogenannte Social Freezing, also das Einfrieren von Eizellen in jüngeren Jahren. Mit dem Ziel, die Mutterschaft möglicherweise anzutreten, wenn die Frauen es möchten – also unbelastet vom Zwang, in jungen, karrierewichtigen Jahren die Wahl zwischen Joberfolg und Mutterdasein zu treffen. Meiner Meinung nach ist das ein falsches Signal an alle Frauen (Apple und Facebook wenden sich mit ihrem Angebot allerdings eher an die gut ausgebildeten, mit Sonderwissen ausgestatteten). Die Technik an sich finde ich völlig okay – warum auch nicht Eizellen „für alle Fälle“ einfrieren lassen, wenn es möglich und bezahlbar ist? „Für alle Fälle“ sollte aber nicht dazu führen, dass Frauen ihren Kinderwunsch noch mehr von Arbeitsmarktvoraussetzungen und/oder gar Arbeitgeberwünschen abhängig machen. Ich kann nur sagen: schade, Facebook und Apple, Ihr habt eine große Chance vertan. Ihr als zukunftsorientierte, leistungsbewusste Unternehmen hättet die Möglichkeit gehabt, durch aktive Unterstützung eurer Mitarbeiterinnen in puncto Kinderbetreuung, flexible Arbeitszeiten und Strukturänderungen anders mit dem Thema umzugehen und die Diskussion in eine andere Richtung zu lenken. Wenn Ihr gewollt hättet. Stattdessen stellt Ihr die Hingabe und Ausrichtung von Frauen an eure Unternehmen in den Vordergrund. Und setzt sie möglicherweise unter Druck. Schade.
Teresa Bücker hat noch eine andere Seite des Social Freezing beleuchtet: Können (in den USA) gesundheitliche Leistungen und finanzielle Unterstützung Arbeitgeber attraktiver machen einen Beitrag zu einer offeneren Kommunikation leisten?
Ich glaube, das ist (noch) ein US-amerikanisches Phänomen. Es wird vermutlich nur noch eine Frage der Zeit sein, bis auch deutsche Unternehmen viel, sehr viel mehr in ihre hochqualifizierten Mitarbeiterinnen investieren wollen. Man darf gespannt sein.